Elementar verbunden

Was bedeutet es, dass wir als leibliche Wesen verbunden sind mit anderen Menschen, dass wir verbunden sind mit unserer Umwelt? Was können die Wissenschaften beitragen, um diese Verbundenheit näher zu bestimmen? In welchem Verhältnis steht die Verbundenheit zu religiösen Erfahrungen, zum Glauben an Gott? Welche kulturellen Perspektiven eröffnen sich dadurch angesichts eines Klimawandels, der eine Neuorientierung erzwingt?

Antworten auf diese Fragen bewegen sich im Spannungsfeld zwischen einer distanzierten Wahrnehmung unserer Wirklichkeit durch Wissenschaft und Technik auf der einen Seite und Erfahrungen von Verbundenheit auf der anderen Seite.

Die gegenwärtige wissenschaftlich-technische Gesellschaft tendiert klar zu der Seite der Distanz und Differenz, zur Objektivierung, und wertet Erfahrungen der Verbundenheit höchstens als subjektive Ergänzung. Die Folge ist, das stets das Analysierbare, das Trennende den Vorzug erhält: Menschen werden zu sich selbst verwirklichenden und unverbundenen Individuen in abstrakten gesellschaftlichen Systemen (Märkte). Formen langfristiger sozialer Verbundenheit werden in unserer Gesellschaft immer schwächer (Parteien, Gewerkschaften, Vereine, Kirchen). Unser Verhältnis zur Umwelt verengt sich oft auf einen technisch-objektivierenden Zugang. Das geschieht auch in manchen Umwelt- und Klimadiskussionen. Schließlich: Unter den Voraussetzungen der wissenschaftlich-technischen Gesellschaft löst die Nachricht einer Verbundenheit mit Gott immer weniger Resonanz aus.

Die elementare Verbundenheit ist aber eine unauflösliche Dimension unserer leiblichen Existenz. Sie zeigt sich in der sozialen Verbundenheit mit Menschen, sie zeigt sich in der Verbundenheit mit der Welt als der Mit- und Umwelt, sie zeigt sich in der Verbundenheit mit Gott in dem von ihm zugesagten Bund.

Die elementare Verbundenheit als existentielle Größe ist nicht trivial. Sie erzeugt nicht nur Harmonie, Miteinander und Nähe. Aus ihr resultieren auch Konflikte, sie ist die Grundlage für Distanzierung. Gerade die Verflochtenheit der Menschen miteinander und ihr gegenseitiges Angewiesensein kann ein Anlass für Konflikte sein. Lebte jede und jeder vor allem für sich, wären Konflikte leicht vermeidbar. Aber die unauflösliche Verbundenheit, die zu gegenseitiger Achtung oder auch Mißachtung führen kann, lässt ein Ringen um Achtung enstehen. Deshalb gilt: Auch zwischenmenschliche Konflikte stammen aus einer ursprünglichen Verschränkung, aus einer elementaren Verbundenheit.

Es geht deshalb darum, die vernachlässigte Dimension von Verbundenheit unserer leiblichen Existenz wieder in den Blick zu nehmen und neu zu entdecken, ohne die Erkenntnisse der wissenschaftlichen Moderne und die Errungenschaften der Individualisierung zu ignorieren. Auf beide Seiten weist das Schema des „Chiasmus“ (Chi – griechischer Buchstabe ähnlich einem X – zwei miteinander verflochtene, verbundene Linien) an: Von einem Zentrum der Verbundenheit streben die Linien zu einem Abstand, zu einer Distanz, beides ist Teil menschlicher Existenz.

Die unvermeidliche Verbundenheit verhindert zudem, dass wir uns einen vollständigen Überblick über die Wirklichkeit verschaffen können, unsere Wirklichkeitsbeschreibungen sind grundsätzlich offen, nie letztgültig und abgeschlossen. Die offene Wirklichkeit resultiert gerade aus unserer Verbundenheit mit ihr. Wir sind wie Fische im Ozean, die den Ozean nicht in den Blick nehmen können. Die Wirklichkeit ist uns zu nah, als leibliche Wesen sind wir immer schon in ihr, wir können uns etwa durch wissenschaftliche Methoden nur partiell distanzieren.  Mehr zur philosophischen Position elementarer Verbundenheit in einer offenen Wirklichkeit.

Der Glaube an Gott hilft, die elementare Bedeutung von Verbundenheit wieder zu entdecken. Dieser Glaube ist nicht einfach etwas Zusätzliches, das zu dem wissenschaftlich Beschriebenen hinzu kommt. Der christliche Glaube steht auch nicht in Konkurrenz zu den Erkenntnissen der Wissenschaften. Tausend psychologische Studien können die Liebe beschreiben doch ist erst verständlich, was Liebe ist, wenn sie persönlich erlebt wird. Es gibt Erfahrungsdimensionen, die sich durch wissenschaftliche Beschreibungen nicht einfangen lassen und die doch die Welt erschließen, wie sie ist. Der christliche Glaube hilft so, das wissenschaftlich Beschriebene noch einmal neu zu sehen, die wissenschaftlich beschriebene Welt erscheint in einem anderen Licht.  Mehr zum Dialog zwischen Naturwissenschaft und Theologie

Beiträge zu aktuellen gesellschaftlichen Diskussionen sind in diesem Blog zu finden.